Am Gedenkstein vor dem Unteren Bahnhof in Delitzsch ist am 17. Juni an den Volksaufstand von 1953 und an die beiden in Delitzsch getöteten jungen Männer Gerhard Dubielzig und Joachim Bauer erinnert worden. Bei der Kranzniederlegung nahmen unter anderem Oberbürgermeister Dr. Manfred Wilde, Mathias Plath von der CDU sowie die CDU-Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Dr. Christiane Schenderlein, teil.
Der Ort des Gedenkens ist bewusst gewählt. In unmittelbarer Nähe des heutigen Gedenksteins befand sich 1953 die SED-Kreisleitung. Dorthin zogen damals Hunderte Arbeiter, die gegen die politischen Verhältnisse in der DDR protestierten. Von dort führte der Weg weiter zum Volkspolizeikreisamt in der Dübener Straße. Dort wurden der 19-jährige Gerhard Dubielzig und der 20-jährige Joachim Bauer durch Schüsse getötet. Zeitgenössische Berichte nennen Kopfschüsse als Todesursache; beide starben noch vor Ort.
Oberbürgermeister Dr. Manfred Wilde erinnerte in seiner Ansprache daran, dass der 17. Juni nicht nur ein historisches Datum sei. Die Ereignisse von 1953 zeigten, wie schnell Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung verloren gehen könnten. Gerade deshalb seien die geschichtlichen Aspekte auch heute noch von besonderer Bedeutung. Der Volksaufstand sei nicht nur ein Berliner Ereignis gewesen, sondern habe sich in vielen Städten und Gemeinden der DDR gezeigt — auch in Delitzsch.
In Sachsen und im damaligen Bezirk Leipzig kam es am 17. Juni 1953 vielerorts zu Streiks, Demonstrationen und Unruhen gegen das SED-Regime. Im Bezirk Leipzig waren nach Angaben des Projekts 17juni53.de alle 13 Kreise betroffen; zahlreiche Großbetriebe beteiligten sich an Arbeitsniederlegungen und Protesten. Auch Delitzsch wurde zu einem Schauplatz der gewaltsamen Niederschlagung.
Wilde verwies zugleich auf die lange Linie deutscher Diktaturerfahrungen im 20. Jahrhundert. Nach dem Ende des Nationalsozialismus endete staatliches Unrecht in Ostdeutschland nicht einfach. Die sowjetische Besatzungsmacht richtete in der Sowjetischen Besatzungszone Speziallager ein; einige davon entstanden auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager. So wurde etwa das ehemalige KZ Buchenwald ab August 1945 als sowjetisches Speziallager Nr. 2 genutzt, Sachsenhausen wurde zum größten dieser Lager. In Sachsenhausen starben zwischen 1945 und 1950 rund 12.000 Menschen an Hunger und Krankheiten.
Die Mahnung des Tages richtete sich deshalb ausdrücklich auch an die Gegenwart. Die Generation, die das SED-Regime noch selbst erlebt hat, solle ihre Erinnerungen nicht für sich behalten. Wilde appellierte sinngemäß, alte Fotos, Dokumente und persönliche Zeugnisse „unter den Betten hervorzuholen“, sie der jüngeren Generation zu zeigen und die Geschichten dahinter zu erklären. Nur wenn Diktatur nicht abstrakt bleibe, sondern durch persönliche Erzählungen begreifbar werde, könne Erinnerung wirksam sein.
Der 17. Juni steht damit in Delitzsch nicht allein für ein nationales Geschichtsdatum. Er steht auch für zwei junge Männer aus der Region, deren Leben an diesem Tag endete. Gerhard Dubielzig, geboren 1934 in Delitzsch, und Joachim Bauer, geboren 1933 in Brodau, wurden zu lokalen Symbolen eines Aufstands, der Freiheit und politische Selbstbestimmung forderte — und mit Gewalt niedergeschlagen wurde.
Die Kranzniederlegung machte deutlich: Erinnerung ist mehr als Rückblick. Sie ist ein Auftrag, demokratische Werte nicht als selbstverständlich zu betrachten. Wer die Geschichte des 17. Juni 1953 kennt, versteht, dass Freiheit verteidigt werden muss — im öffentlichen Leben, in der politischen Kultur und im Gespräch zwischen den Generationen.



